Detailansicht

 

Kurt R. Eissler
Konstanze Zinnecker-Mallmann
Männer und Militär
Psychoanalyse der US-Armee als Institution im Zweiten Weltkrieg
Einführung von Mario Erdheim
1. Aufl.
1040 S., 17,5 x 24,7 cm, Hardcover mit Fadenheftung und Lesebändchen
49,90 €
ISBN 9783955582838

Lieferbar

»Kurt R. Eisslers Buch über die US-Armee im Zweiten Weltkrieg ist die erste psychoanaly­tische Untersuchung einer zentralen Institution unserer Kultur. Sie zeigt, über welches kultur­wissenschaftliche Potenzial die Psychoanalyse verfügt, aber auch, auf welche Widerstände ihre Erkenntnisse stossen. Eisslers Untersuchungen sind auch ein wichtiges Zeugnis der intellektuellen Verarbeitung von Vertreibung, Flucht und Holocaust. Berührend ist die Bedeutung, die dem Utopischen zukommt. Die USA erschienen zunächst als wahr gewordene Utopie und die US-Armee als Waffe, die den Faschismus endgültig zerschlagen werde.«
(Mario Erdheim)

Wie in einer Feldforschung reflektiert Eissler seine Tätigkeit: die Psychologie und Psychopathologie der Soldaten, die ­Situation der Zugehörigkeit zu den Streitkräften in der Kriegs­situation, die unbewussten Auswirkungen der totalen Insti­tution und des Kampfes um Leben und Tod in der Infanterie bei einfachen Soldaten und Offizieren.

Eisslers Studien sind umfangreich und ins Detail gehend, neu und auf die ­Gegenwart übertragbar – eine einzigartige ­Erkenntnisquelle.

 

Inhalt

Konstanze Zinnecker-Mallmann: Vorwort
Mario Erdheim: Historische und biographische Hintergründe einer neuen Theorie totaler Institutionen
1. Kapitel Ich-Stärke und Leben in geschichtlichen Zusammenhängen
2. Kapitel Was ist die Armee?
3. Kapitel Erste Kontakte mit der Armee
4. Kapitel Die Zeit vor der Grundausbildung
5. Kapitel Ausbildung
6. Kapitel Körperliche Fortbewegung
7. Kapitel Das Gewehr
8. Kapitel Die Uniform
9. Kapitel Exerzieren
10. Kapitel Disziplin
11. Kapitel Militärgerichtsbarkeit
12. Kapitel Überlegungen zur Delinquenz
13. Kapitel Prolegomena zur allgemeinen Psychopathologie des Soldaten mit besonderer Berücksichtigung der Ausbildungssituation
14. Kapitel Versuch einer Analyse der militärischen Realität
15. Kapitel Psychopathologie des Offiziers
16. Kapitel Simulation
17. Kapitel Eine in der Armee vernachlässigte ärztliche Funktion
18. Kapitel Unerlaubte Entfernung von der Truppe
19. Kapitel Der leistungsfähige Soldat
20. Kapitel Ärztliche Sprechstunde
21. Kapitel Vorträge
22. Kapitel Führung in der Armee
23. Kapitel Das zivile Gemeinwesen
24. Kapitel Vorkämpfer
25. Kapitel Gruppenvorurteile
26. Kapitel Der Tod und die Armee
27. Kapitel Religion, Kirche und die Wissenschaft vom Seelenleben
28. Kapitel Das Menschenbild in der Armee
29. Kapitel Militärpsychiatrie
30. Kapitel Das Dilemma des Bürgers

 

Konstanze Zinnecker-Mallmann: Vorwort
Kurt R. Eissler hat sein sogenanntes »Kriegsmanuskript« (War-MS) vor ca. 75 Jahren geschrieben. Allein der Name des Buches hat Mario Erdheim, dem Kollegen aus der Schweiz, Roland Apsel, dem Verleger aus Frankfurt am Main, und mir, der Herausgeberin des nunmehr dritten Eissler-Bandes viel Kopfzerbrechen bereitet. Ich wollte beim bescheidenen Kriegsmanuskript bleiben, fügte mich dann jedoch den kaufmännischen bzw. verlagsrelevanten Überlegungen einer erweiterten Titelbeschreibung. 1944 bis 1946 war die Zeit, in der Eissler beim Militär als Psychiater tätig war, um aus nächster Nähe den Einfluss der Armee auf die Psychopathologie des Soldaten studieren zu können. Daraus entstanden ist ein facettenreiches Werk von über 1.000 Seiten. Um einen Zeiteindruck dieses Projektes zu veranschaulichen: Ich wurde 1947 geboren, d. h. als er sechsunddreißigjährig sein »Kriegsmanuskript« schrieb, dann besuchte ich den Sechsundachtzigjährigen 1994 in New York, inzwischen war ich 47 Jahre alt, verheiratet, Mutter von zwei Kindern, und heute, 2020, bin ich mit fast 74 Jahren im Großelternalter und dabei, dieses legendäre Mammutwerk herauszugeben. Meine Bekanntschaft mit Eissler begann in der Zeit, als ich schon praktizierende Psychoanalytikerin der Frankfurter Psychoanalytischen Gesellschaft war. Ich nahm an der Fokalkonferenz von Rolf Klüwer teil, der mit zu den Übersetzungssponsoren des Eissler՚schen Goetheprojektes gehörte und uns begeistert davon berichtete. Ich war sehr interessiert, kaufte mir den ersten Band und begann, das Werk fasziniert in meinen Ferien in Italien zu lesen, wagte schließlich, Kontakt mit Eissler aufzunehmen, und schrieb ihm. Seine Antwort blieb nicht aus: »Goethe ist kein Gegenstand des Forschens mehr für mich und erwarten Sie von meinem Alter (86) keine kreative Anregung.« Dies stand in seinem handgeschriebenen Brief aus New York. Er fügte hinzu, ich solle ihn nicht überschätzen, die Mängel seien dem Autor bekannt. Ich war glücklich, von ihm zu hören, aber zugleich ernüchtert. 1994 war ich mit meiner Familie in New York und mein Mann ermutigte mich, einen Anruf zu riskieren. Eisslers Antwort am Telefon war: »Wann wollen Sie kommen?« So kam es zum ersten Kontakt, der schließlich zur Veröffentlichung seines ersten Buches führte. Im Vorwort zur deutschen Goethe-Ausgabe schreibt Eissler von der Zeitverschiebung und dem Befremden, wenn ein Werk 20 Jahre nach seinem Erscheinen noch übersetzt wird. Erschwerend kam der Sprachwechsel hinzu, z. B. Goethe vom Deutschen ins Englische zu übersetzen. Wie groß seine Ambivalenz gegenüber seinem eigenen Werk war, habe ich versucht, in meiner Werkbiographie herauszuarbeiten: »Mein lieber, lieber August! (Aichhorn), ... ich hasse die deutsche Sprache« (Zinnecker-Mallmann: »... und ihr Verbrechen war ein guter Wahn«, 2014, S. 181). Jetzt versuche ich, meine Gedanken einzufangen, damals und heute, die sich um dieses Werk von Kurt R. Eissler ranken, sein persönlichstes, wie auch Mario Erdheim, der Schweizer Ethnologe und Analytiker, meint. Dieser assoziierte zu meinem Titel das Kinderlied »O Du lieber Augustin, alles ist hin, Geld ist hin, Mädel ist hin« (Wiener Lied aus dem Dreißigjährigen Krieg), und vermutet, dass auch das Buch vor dem Hintergrund eines Weltuntergangs handelt. Er berichtet, dass er, durch die Empfehlung von Fritz Morgenthaler und Paul Parin, Eissler als junger Mann in New York aufgesucht habe. Weiter erfuhr ich von Mario Erdheim, dass Eissler dem 30-jährigen Wissenschaftler das War-MS wie einen Staffelstab in die Hand gedrückt habe. Seine Gefühle und Erkenntnisse um das Pro und Contra dieses Werks berichtet er selbst in der nachfolgenden Einführung. Tilmann Moser, mein Kollege aus Deutschland, hatte eine Empfehlung von Heinz Kohut, der ihm 1974 das Vorwort zu seinem Buch »Lehrjahre auf der Couch« geschrieben hatte, Eissler zu besuchen. Dieser begegnete ihm herzlich, beherbergte ihn und zeigte ihm New York. So führten viele Wege zu ihm, dem jüdischen Emigranten Kurt R. Eissler. Er war für die deutschsprachigen »Kinder – vor allem Söhne« –, ob aus der Schweiz, aus Österreich oder Deutschland, ein wichtiger Pol in New York, der Emigrantenstadt, ein psychoanalytischer Ansprechpartner aus vergangenen Zeiten. Und es ist zu hoffen, dass sein Armee-Buch weitere Untersuchungen zentraler Institutionen unserer Gesellschaft anregen wird. Zwischen Mario Erdheim und mir entspann sich in diesem Arbeitszusammenhang ein intensiver Dialog. »Wie denkst Du über seine Beziehung zu Frauen?«, war eine der letzten Fragen, die Mario mir stellte. Eissler sprach den Frauen Genialität ab. Aber ich hatte nur gute ermutigende Erfahrungen mit ihm, er hatte mich unterstützt, mein Erstlingswerk »Gretchen« als »schön« beurteilt und mir damit einen Wunscherfüllungstraum beschert. »Was war mit der Mutter?«, war eine andere Frage. »Ich hatte gelesen, dass sie gestorben war, kurz nach dem Einmarsch der Nazis in Wien. War es ein Infarkt oder ein Suizid?« Das wissen wir nicht. Von Emanuel Garcia, seinem Nachlassverwalter, der heute in Neuseeland lebt, erfuhren wir, dass Eissler seinen Anwälten angeordnet hatte, seine Bibliothek nach seinem Tod zu vernichten, weil er nicht wollte, dass die Anmerkungen, die er in seine Bücher geschrieben hatte, zugänglich würden. Das lässt sich endlos fortsetzen. »Ist er zu ausschweifend, hatte er Illusionen?« Das war eine weitere Frage von mir. »Ich glaube nicht, er fand immer den Ausgangspunkt wieder, hatte sich nicht verloren«, war Marios Antwort. »Und er eröffnet einen Kosmos von Bedeutungen.« Schöner kann man es nicht sagen, es ist endlich geschafft, Eisslers Kriegsmanuskript liegt übersetzt vor und die Leserschaft kann sich selbst einen Eindruck verschaffen von der vielschichtigen Arbeitsweise des Militärpsychiaters, Psychoanalytikers, Philosophen; mit welcher Genauigkeit er sich der Armee angenommen hat. Was waren seine Motive? Vielleicht sich auf diese Weise dem Phänomen des Militärs anzunähern, es zu erforschen und dem Leser zu unerwarteten Erkenntnissen zu verhelfen! Dann kann dieses Mammutwerk auch zu einem außergewöhnlichen, höchst informativen Leseerlebnis werden.
Frankfurt am Main, im Oktober 2020


Presseecho

»Der ursprüngliche Wiener und schließlich US-amerikanische Psychoanalytiker Kurt Robert Eissler hat erstmalig eine zukunftsweisende Untersuchung über die US-Armee am Beispiel des Zweiten Weltkriegs geschaffen. Dabei kommt sowohl die Psychologie wie die Psychopathologie der Soldaten, ihre Zugehörigkeit zu den Streitkräften in der Kriegssituation, die unbewussten Auswirkungen der Totalität des Krieges und des Kämpfens um Leben und Tod zur Sprache. Wobei dabei die Waffe für die Demokratie und gegen den Faschismus eine aufscheinende Utopie brüchig erscheinen lassen.«

(Marga Prankl und Walter Prankl, kultur-punkt.ch)

 

»Eissler ist viel belesener und kenntnisreicher Autor, der alltägliche Beobachtungen als Psychiater beim US-Militär verbindet mit Assoziationen aus Mythologie, Geschichte, Kultur und psychoanalytisch reflektierten Interpretationen. (...) Aus der Sicht des Psychiaters und Psychoanalytikers und militärischen Laien geschrieben vermittelt dieses Buch einen spezifischen Blick auf die US-Armee im Zweiten Weltkrieg, der (...)  verallgemeinerungsfähig ist in Bezug auf Ordnungsstrukturen totaler Institutionen: unhinterfragte autoritäre Strukturen, die nicht einmal der Realität eines Alltags im Zweiten Weltkrieg gerecht wurden und in einer absoluten Befehls- und Gehorsamskette auch nicht hinterfragt wurden. In wieweit diese Strukturen systemimmanent und notwendig sind oder einem Bedürfnis nach absoluter Kontrolle und Macht gerecht werden, und damit auch Missbrauch ermöglichen, sind wichtige Fragen die Eissler aufgrund seiner Beobachtungen stellt und die auch heute noch aktuell sind.«

(Gertrud Hardtmann, socialnet.de)

 

 
zum Anfang      zurück