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Lutz,Christiane
Von der sehnsüchtigen Suche nach Sinn
Eine tiefenpsychologische Annäherung an »Die Unendliche Geschichte«
1. Aufl.
168 S., 15,5 x 23,5 cm, Paperback Großoktav
17,90 €
ISBN 9783955582975

Lieferbar

Christiane Lutz interpretiert Die unendliche Geschichte von Michael Ende als Entwicklungsweg eines Individuums. Basis ist das Symbolverständnis und die Archetypenlehre der Analy tischen Psychologie C.G. Jungs. Diese Herangehensweise erweist sich als erkenntnisbringend, da Michael Ende ganz bewusst archetypische Gestalten und Situationen, Wunschvorstellungen und bittere Realitäten beschrieben hat, die Urerfahrungen des Menschen widerspiegeln. Eben darum, weil er Fragen zur menschlichen Natur stellt, die das kollektive Unbewusste ansprechen, regt der Roman auch heute noch dazu an, sich auf die Suche nach Erkenntnis zu begeben. Mittels Deutung der reichen Symbolik der Geschichte geht Lutz der Sinnfrage des Lebens unter individuellem wie auch kollektivem Blickwinkel nach.
Das Buch wendet sich an alle, denen die verantwortliche Begleitung von Kindern und Jugendlichen ein in die Zukunft weisendes Anliegen ist. Darüber hinaus richtet sich der Blick auf die Fragen unserer Zeit, die herausfordern, neue Lösungsansätze zu wagen.

 

Inhalt

1. Einleitung: Die unendliche Geschichte – ein Buch der Weisheit und der Selbstsuche in archetypischer Bildersprache
2. Die Realität – ein zehnjähriges, unansehnliches, einsames, unglückliches Kind wird zum Leser der »unendlichen Geschichte«
3. Das Symbol der Leere, das Geheimnis des Nichts
4. Die Sümpfe der Traurigkeit und der Sog der Depression
5. Die uralte Morla, Repräsentantin zeitloser Dauer
6. Ygramul, die Viele und der destruktive Pol
7. Die Zweisiedler, eine personale Beziehungsproblematik
8. Die drei magischen Tore, der Weg ins Unbewusste
9. Uyulála, die Stimme der Stille – die Fähigkeit, in der Stille Wichtiges zu vernehmen
10. Im Gelichterland – die Macht der destruktiven Winde. Die Lösung, durch ein Menschenkind einen neuen Namen für die Kindliche Kaiserin zu finden, ebnet den Weg zum Ziel
11. Die Spukstadt – der Absturz in Schutzlosigkeit und Verlassenheit
12. Der Flug zum Elfenbeinturm – kindliche Weisheit wandelt scheinbare Sinnlosigkeit in Sinn
13. Der Alte vom Wandernden Berge – von der Gnade der Wiederholung
14. Pelerin, der Nachtwald, der Keim eines neuen Schöpfungsprozesses – Bastians Wunsch nach innerem Wachstum
15. Goab, die Wüste der Farben – der Reichtum von der Natur im Werden und Vergehen – Bastians Wunsch stark zu sein
16. Graógramán, der Bunte Tod – Flüchten oder Standhalten im Angesicht von Gefahr
17. Der Tausend-Türen-Tempel und die Aufgabe, Entscheidungen zu treffen
18. Der Weg nach Amargánth – aus Einsamkeit entwickelt sich Gemeinsamkeit, aus Anonymität persönliche Begegnung
19. Amargánth, die leibhaftige Begegnung von Bewusstsein und Unbewusstem unter dem Schirm von Weisheit und Glück
20. Ein Drache für Held Hynreck – echte Heldenhaftigkeit drückt sich nicht in Sieg oder Niederlage aus
21. Die Acharai – Wert und Unwert, Pole, die sich berühren
22. Die Weggenossen – die Bereitschaft, sich als Ich zum Wir zu sehnen
23. Die sehende Hand – das Zauberschloss Hórok – schöne Täuschung und Gewalt erfordern verantwortungsvolles Handeln
24. Die Zauberin Xaide – die archaische Welt der »Großen Mutter« – Maß und Maßlosigkeit
25. Das Sternenkloster Gigam – tiefsinniges Reflektieren führt nicht selbstverständlich zur Wahrheit
26. Die Schlacht um den Elfenbeinturm – eskalierende Ambivalenz bedeutet Zerstörung und Verlust
27. Kaiser von Phantásien, der wahre Wunsch? Äußerer Glanz wird zur Kälte, fehlende Wärme zur Vernichtung
28. Die alte Kaiserstadt – die unreflektierte Anmaßung verliert die Sinnhaftigkeit und kann in der Psychose enden
29. Die Korbstadt – die Sehnsucht nach naturnaher Gruppenzugehörigkeit
30. Die Dame Aiola – die Regression zum guten, spendenden Mutterarchetyp
31. Das Bergwerk der Bilder – das Lauschen auf die Bildersprache der Träume
32. Die Wasser des Lebens – Fehler und Fehlverhalten können nicht rückgängig gemacht, aber verziehen werden
33. Die Rückkehr – die bewusste Erfahrung der eigenen Person: Ich bin Ich
34. Schlussbemerkung

 

 

Einleitung: Die unendliche Geschichte – ein Buch der Weisheit und der Selbstsuche in archetypischer Bildersprache

Mit seinem Buch Die unendliche Geschichte erreicht Michael Ende die Menschen, gleich welcher Nationalität. Nach 40 Jahren ist das Werk immer noch hochaktuell. Weil die darin gestellten Fragen zur menschlichen Natur das kollektive Unbewusste ansprechen, beeindruckt die Geschichte Menschen jeder Altersstufe. Sie ist verschlüsselt und gleichzeitig in ihrer Symbolsprache unmittelbar verständlich. Die Wiederauflage mit kongenialen Bildern von Sebastian Meschenmoser bestätigt die Aktualität der Thematik. Michael Ende hat sehr bewusst archetypische Gestalten und Situationen, Wunschvorstellungen und bittere Realitäten beschrieben, weil sie Urerfahrungen der Menschheit widerspiegeln. Über seine eigene analytische Erfahrung bei einer Jungschen Psychotherapeutin wusste Ende um diese Manifestationen menschlicher Erfahrungen, die sich nicht selten dem verbalen Zugriff entziehen. In der Fähigkeit, über Sprache Bilder zu entwerfen, die Mensch, Tier, Pflanze, sogar Steine lebendig werden lassen, erreicht er die Menschen in der Tiefe der Seele. Er macht uns zum staunenden Kind und berührt gleichzeitig die urmenschliche Sehnsucht nach Erkenntnis. Das Wesen der Polarität zieht sich wie ein roter Faden durch die vielschichtige Geschichte. Sie umfasst ebenso Geheimnis wie Offenbarung, Wahrheit und Lüge, Vertrauen und Zweifel, Macht und Ohnmacht. Es ist das ganze Spektrum seelischen Erlebens, das sich in Fülle und Leere, in Zuversicht und Resignation, in Vertrauen und Enttäuschung ausbreitet. Eine Geschichte für Kinder, aber eigentlich für Menschen jeder Altersstufe, wenn sie sich auf die verschlungenen Pfade der Psyche, auf die Suche nach Verstehen und Sinn einlassen wollen. Michael Ende wählt eine Sprache, die häufig an die der Märchen erinnert. Sie ist zeitlos und gleichzeitig bunt. Dies wird auch in den zwei Farben, in denen das Buch gedruckt ist, sichtbar: Sie unterstreichen die Gegensätze zwischen realer Welt und Phantásien, die jedoch (offensichtlich) den Auftrag haben, sich zu einer lebendigen Fülle zu ergänzen. Gegensätze stehen einander gegenüber und gehören gleichzeitig als die zwei Seiten einer Medaille zusammen. Wege und Irrwege im Erleben dieser Wahrheit lösen unterschiedlichste Gefühle aus; sie schwanken zwischen Angst und Hoffnung, Bedrohung durch irrationale Gefahren und mutigem Einsatz aller Kräfte im Erreichen eines Zieles, das unbekannt scheint und doch im Menschen selbst liegt. Realität und Fantasie werden in diesem Zusammenhang als zusammengehörig und gleichzeitig weit entfernt benannt und auch im Druck roter Passagen als Ausdruck der Realität, grün als Ereignissein Phantásien sichtbar. Sie verschlingen einander jedoch zunehmend, ähnlich wie die gegensätzlichen Schlangen, die das symbolträchtige Zeichen der Kindlichen Kaiserin, Auryn, kennzeichnen. Es ist ein Oval, das durch zwei Schlangen, eine schwarze und eine weiße, gebildet ist. Jede der Schlangen hält das Ende der anderen im Rachen. Damit scheint das Dunkle wie das Helle in seiner einseitigen Wirksamkeit wie gebannt. Gleichzeitig sind die polaren Prinzipien in einer Zusammengehörigkeit verbunden. Dieses Zeichen ist Symbol für die geheime Zentralfigur Phantásiens, die Kindliche Kaiserin. Sie repräsentiert bereits die Verbindung von Kindsein und höchster Würde, aber ebenso den Gegensatz zwischen ewigem Leben und Todesgefahr. Sie ist alt und jung, schwach und von wunderbarer Kraft. Sie ist Geheimnis und wissende Offenbarung. Sie ist in ihrer Person die unendliche Geschichte des Lebens und gleichzeitig gebunden an die Vitalität Phantásiens. Dieses Land der unendlichen Vielfalt ist ein Bild für den Reichtum der Fantasie, dem Hort der Kreativität, der unendlichen Möglichkeiten. Es ist ein Land, das zwar einem Kind noch zugänglich ist, das aber existenziell bedroht wird durch ein zweckorientiertes rationales Denken. Einer logisch nicht zu begründenden Wertschätzung der Fantasie wird im besten Fall ein zweiter Platz in einem vernünftig geführten Leben eingeräumt. Nur einem Kind und dessen Bereitschaft, dem magisch-märchenhaften Denken und Erleben einen zentralen Platz einzuräumen, kann es gelingen, das bedrohte Land der Fantasie zu retten und über einen kreativen Einfall die todkranke kindliche Kaiserin zu heilen. Dies kann nur über eine neue Namensgebung geschehen. Damit entsteht erneut lebendiges Leben. Realitätsorientiertes Bewusstsein und die Weite der Fantasie, die man dem Unbewussten zuordnen könnte, sollen sich nicht ausschließen, sondern zu einer sich ergänzenden Gemeinsamkeit finden, die fruchtbringende Lebendigkeit ermöglicht

 
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